Der Gender-Gap (“Beobachter_innen”) ist ein sprachliches Mittel zur Inklusion aller Geschlechter. Anders als die kombinierte Verwendung von weiblichen und männlichen Wortformen (“Beobachterinnen und Beobachter”) schließt der Gender-Gap auch Menschen ein, die sich keinem dieser beiden Geschlechter zugehörig fühlen. Wie kann dieses sprachliche Mittel ins Arabische übertragen werden?

“Sprachen unterscheiden sich weniger in dem, was sie ausdrücken können,
als in dem, was sie ausdrücken müssen”  – Roman Jakobson

Sprachliche Mittel zur Inklusion aller Geschlechter sind nur dort notwendig, wo uns ein Sprachsystem dazu zwingt, das Geschlecht von Personen zu spezifizieren.

Gestern verließen die internationalen Beobachter das Land.
Yesterday, the international observers left the country.
أمس غادر المراقبون الدوليون البلد.

Der englische Satz ist ist genderneutral, im deutschen Satz trägt ein Wort einen Gendermarker und im arabischen Satz sind es drei: Das Verb, das Subjekt und das Adjektiv. Gendern ist im Arabischen also eine ungleich größere Herausforderung als im Deutschen.

Wir waren mit dieser Herausforderung im Kontext mehrerer Übersetzungsaufträge konfrontiert, mussten also unter Zeitdruck Übersetzungsentscheidungen treffen. Leider konnten wir uns hierbei auf keine (korpus-basierten) Studien zum Gendern im Arabischen stützen. Vor diesem Hintergrund sind die folgenden Überlegungen zu verstehen.

Etablierte Möglichkeiten des Genderns im Arabischen

Wie im Deutschen ist es auch im Arabischen möglich, wenn auch weniger üblich, zwei Geschlechter durch explizite Nennung der männlichen und weiblichen Form sichtbar zu machen:

Gestern verließen die internationalen Beobachterinnen und Beobachter das Land.
أمس غادر المراقبات الدوليات والمراقبون الدوليون البلد.
Gestern verließen die-beobachterinnen die-internationalen und-die-beobachter die-internationalen das-land.

Diese Doppelnennung kann durch einen Schrägstrich platzsparender ausgedrückt werden, wobei die weibliche Plural-Endung an die männliche Plural-Wortform angehängt wird.

Gestern verließen die internationalen Beobachter/innen das Land.
أمس غادر المراقبون/ات الدوليون/ات البلد.
Gestern verließen die-beobachter/innen die-internationalen/innen das-land.

In beiden Fällen wird teilweise nur die männliche Form des Adjektivs benutzt. Das Verb wird immer nur in der männlichen Form genannt.

Vorschlag einer arabischen Version des Gender-Gaps

Ein Nachteil der Doppelnennung der männlichen und weiblichen Form ist die Unsichtbarmachung von Menschen, die sich diesen Kategorien nicht zugehörig fühlen. Da diese Menschen einen wichtigen Teil der Zielgruppe unserer Übersetzung darstellten, entschieden wir uns für die Verwendung einer arabischen Version des Gender-Gaps:

Gestern verließen die internationalen Beobachter_innen das Land.
أمس غادر_ت المراقبون_ات الدوليون_ات البلد.

Überlegungen zur Lesbarkeit einzelner Worte

Im Deutschen beeinträchtigt der Gender-Gap die Lesbarkeit einzelner Worte kaum:

  • Ein Wort enthält maximal einen Gender-Gap
  • Der Wortstamm steht immer vor dem Gender-Gap.

Aufgrund der komplexen Morphologie des Arabischen bedarf es zusätzliche Regelungen, um diese Eigenschaften zu erhalten und Ungetüme wie “يـ_تنتقده_ها” (“er_sie kritisiert ihn_sie”) oder “انتقد_ت_ه_ها” (“er_sie kritisierte ihn_sie”) zu vermeiden:

  • Präfixe mit Gendermarker: Der Gender-Gap steht zwischen der männlichen und der weiblichen Verbform: “ينتقد_تنتقد” (“er_sie kritisiert”). Suffixe mit Gendermarker sind in diesem Fall durch Umformulierung zu vermeiden: “يوجه_توجه انتقادات له_ها” (“er_sie richtet Kritik an ihn_sie”).
  • Suffixe mit Gendermarker: Zwei Suffixe mit Gendermarker sind durch Umformulierung zu vermeiden:  “وجه_ت انتقادات له_ها” (“er_sie richtete Kritik an ihn_sie”).

Überlegungen zur Lesbarkeit ganzer Texte

Im Deutschen beeinträchtigt der Gender-Gap die Lesbarkeit von Texten kaum, weil er nur selten zum Einsatz kommen muss:

  • Verben tragen keinen Gendermarker, Adjektive in vielen Fällen auch nicht.
  • Nomen mit Gendermarker lassen sich oft durch ein Partizip-Aktiv ohne Gendermarker ersetzen.

Da im Arabischen alle Verben, Nomen, Pronomen, Relativpronomen und Adjektive einen Gendermarker tragen, treten Worte mit Gender-Gap hier deutlich öfter auf. Im folgenden Beispiel kommt er bei jedem dritten Wort zum Einsatz:

LSB mit Kindern oder mit Kinderwunsch treiben andere Themen um als kinderlose LSB.
أما المثليون_ات، ومزدوجو_ات الميل الجنسي، الذين_اللاتي يربّون_ين الأطفال، أو يرغبون_ن في ذلك، فتشغل بالهم_هن مواضيع مختلفة مقارنةً بمن ليس لديهم_هن أطفال.

Ausgehend von der Annahme, dass der Gender-Gap – unabhängig von seiner Realisierung in einzelnen Worten – eine politische Position auf Textebene ausdrückt, hielten wir es für vertretbar, Ausnahmeregeln festzulegen, um die Lesbarkeit des Textes zu erhöhen:

  • Quantoren: “بعض الطلاب” (“einige Studenten”) anstelle von “بعض الطلاب_الطالبات”
  • “انسان” (“Mensch”), “مُر” (“Mensch”), “شخص” (“Person”), “طفل” (“Kind”): “شخص ذكي” (“intelligente Person”) anstelle von “شخص ذكي_ة”

Diese Ausnahmeregeln erlauben es, durch Umformulierung die “Gender-Gap-Dichte” in einem Textsegment zu reduzieren. Ersetzt man “Homosexuelle und Bisexuelle” in der arabischen Übersetzung durch “homosexuelle und bisexuelle Menschen”, so enthält der Satz nur noch einen Gender-Gap.

أما الأشخاص المثليون، ومزدوجو الميل الجنسي، الذين يربّون الأطفال، أو يرغبون في ذلك، فتشغل بالهم مواضيع مختلفة مقارنةً بمن ليس لديهم_هن أطفال.

Uns ist bewusst, dass dieses generische Maskulinum (im Text rot) durch die Hintertür keine optimale Lösung ist, und freuen uns über Anregungen zur Weiterentwicklung des arabischen Gender-Gaps.

Kategorien: Übersetzen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.